„Die Entdeckung von Aspie“
Auszüge aus einem Text von Carol Gray und Tony Attwood (zwei Asperger-Forscher):

Einige der größten Entdeckungen dieses Jahrhunderts waren kreative und zielstrebige Anstrengungen, um "Was wäre, wenn...?"-Fragen zu beantworten. Was wäre, wenn Menschen fliegen könnten? Was wäre, wenn elektrische Energie nutzbar gemacht werden könnte, um Licht zu erzeugen? Was wäre, wenn es ein einfach zu erreichendes, internationales Kommunikations- und Informationsnetzwerk gäbe? Die Antworten resultierten in bleibenden Veränderungen.

Diese Verbesserungen erinnern uns daran, dass wir die Möglichkeit und Fähigkeit haben zu experimentieren, umzugestalten, umzudenken und uns etwas vorzustellen. In diesem Geist verweist dieser Artikel auf eine neue Frage: Was wäre, wenn das Asperger-Syndrom anhand seiner Stärken definiert wäre? Was würde sich ändern?

Neue Wege des Denkens führen häufig zu Entdeckungen, die ihre veralteten Vorläufer ausrangieren. Vergleichbar hat auch der Wechsel von Asperger-"Syndrom" zu "Aspie" interessante Auswirkungen und bietet neue Möglichkeiten.



Kriterien für die Entdeckung von Aspie, von Attwood und Gray:

A.
Qualitative Vorteile in der sozialen Interaktion, die sich in der Mehrzahl der folgenden Punkte manifestieren
     
 
1.
Beziehungen zu Altersgenossen geprägt von absoluter Loyalität und untadeliger Zuverlässigkeit
 
2.
Frei von Vorurteilen aufgrund des Geschlechts, des Alters oder der Kultur; Fähigkeit, andere so zu akzeptieren, wie sie sind
 
3.
Drückt eigene Gedanken ungeachtet des sozialen Zusammenhangs aus oder hält an persönlichen Überzeugungen fest
 
4.
Fähigkeit, persönliche Theorien oder Perspektiven trotz widersprechender Beweise zu verfolgen
 
5.
Sucht Zuhörer/innen oder Freund/innen, die fähig sind, sich für einzigartige Interessen und Themen zu begeistern, Details schätzen und Zeit damit verbringen, ein Thema zu diskutieren, das nicht von vorrangigem Interesse zu sein scheint
 
6.
Hört ohne ständiges Urteilen oder Unterstellungen zu
 
7.
Hauptsächlich an aussagekräftigen Gesprächsbeiträgen interessiert; vermeidet “ritualisierten Small Talk” oder sozial triviale Aussagen und oberflächliche Unterhaltungen.
 
8.
Sucht aufrichtige, positive, echte Freunde mit einem bescheidenen Sinn für Humor
     
B. Spricht fließend “Aspergisch”, eine soziale Sprache, die von mindestens drei der folgenden Merkmale gekennzeichnet ist:
     
 
1.
Entschlossenheit, die Wahrheit zu suchen
 
2.
Unterhaltung frei von versteckten Bedeutungen oder Hintergedanken
 
3.
Hoch entwickelter Wortschatz und Interesse an Wörtern
 
4.
Faszination an wortbasiertem Humor wie Wortspielen
 
5.
Fortgeschrittener Gebrauch von Bildmetaphern
     
C. Die kognitiven Fähigkeiten sind durch mindestens vier der folgenden Merkmale gekennzeichnet:
 
 
1.
Starke Bevorzugung von Details vor dem Gesamtbild
 
2.
Originelle, oft einzigartige Weise der Problemlösung
 
3.
Außergewöhnliches Gedächtnis und/oder Erinnerung an Details, die von anderen oft vergessen oder ignoriert werden, wie z.B. Namen, Daten, Terminpläne, Routinen
 
4.
Begeisterte Ausdauer beim Durchhalten beim Sammeln und Ordnen von Informationen zu einem Thema von Interesse
 
5.
Beharrlichkeit des Denkens
 
6.
Enzyklopädisches oder "CD-ROM"-Wissen über ein oder mehrere Gebiete
 
7.
Wissen um Routinen und ein zielgerichteter Wunsch, Ordnung und Genauigkeit aufrechtzuerhalten
 
8.
Klarheit in den Werten/bei Entscheidungen, unberührt von politischen oder finanziellen Faktoren
     
D. Mögliche zusätzliche Merkmale:
 
 
1.
Große Sensibilität für bestimmte sensorische Erfahrungen und Stimuli, z.B. Hören, Berührung, Sehen, und/oder Geruch
 
2.
Stärke bei Einzelsportarten -spielen, besonders solchen, die Ausdauer und visuelle Genauigkeit erfordern wie Rudern, Schwimmen, Bowling, Schach
 
3.
"Sozial unbesungener Held" mit vertrauensvollem Optimismus: häufiges Opfer der sozialen Schwächen anderer und trotzdem an dem Glauben festhaltend, dass echte Freundschaften möglich sind
 
4.
Eine höhere Wahrscheinlichkeit als in der Durchschnittsbevölkerung, nach dem Gymnasium die Universität zu besuchen
 
5.
Oft fürsorglich anderen gegenüber außerhalb des Rahmens der typischen Entwicklung


Jemanden als sozial "neu" oder "einzigartig" zu betrachten, enthält mehr Potential als die negativen Gegenstücke "peinlich" oder "unangemessen". Das verlangt soziale Kreativität. In diesem Fall mag es hilfreich für typische Menschen (jene ohne AS) sein, soziale Interaktion als einen Gang durch Einwanderungs- und Zollbehörden zu betrachten.

Jeder, der zwischen verschiedenen Ländern reist, kennt die Angst, auf einen Zollbeamten zuzugehen, der von diesem Land dazu ernannt worden ist, darauf zu achten, dass die Regeln für Einreise und Annehmbarkeit eingehalten werden. Hier gelten strenge Regeln; die Fragen sind direkt und ein wenig unhöflich: "Warum sind Sie hier, und wann reisen Sie wieder aus?" "Sind Sie aus persönlichen oder aus geschäftlichen Gründen hier?" (Mit anderen Worten, "Sind Sie hier, um Los Angeles zu besuchen oder es zu 'kaufen'?")

Der Prozess schürt soziale Angst - Sehe ich für diese Leute sicher und freundlich genug aus (die mir leidenschaftslos autoritär und ungehobelt zu sein scheinen), um mich unter ihnen in ihrem Land aufhalten zu dürfen? Oder müssen sie meine persönlichen Dinge durchwühlen, um beurteilen zu können, ob ich eingelassen werden kann? Für Aspie-Menschen ist das ein täglicher Gang durch die soziale Einwanderungs- und Zollbehörde - eine ständige Angst, Dinge auch "richtig" zu tun, "richtig" zu sagen, den nötigen, gesellschaftlichen ‘Ausweis’ zu besitzen, den typische Menschen ständig bei anderen suchen, bevor sie sich mit ihnen anfreunden.