Es gibt sehr viele falsche oder eingeschränkte Vorstellungen von Autismus, deshalb gibt es hier einige Hinweise, was Autismus (einschließlich Asperger-Autismus) ist und was nicht:
Was Autismus nicht ist: Was Autismus ist:
Autismus ist keine Krankheit. Autismus ist eine Art zu sein, eine Wesensart, ein Naturell.
Autismus ist nicht psychisch bedingt. Autismus bedeutet, ein “alternatives Gehirndesign”, eine ungewöhnliche neurologische “Verdrahtung” zu haben. Autismus ist eine Art der Wahrnehmungsverarbeitung und ein Teil neurologischer Vielfalt.
Menschen im Autismus-Spektrum sind nicht alle gleich. Nicht-autistische Menschen sind unterschiedlich und individuell, warum sollten autistische Menschen alle gleich sein? Autismus ist eine breites Spektrum unterschiedlicher Fähigkeiten, Lebensweisen, Weltanschauungen etc. Manche meinen, dass autistische Menschen untereinander unterschiedlicher sind als nicht-autistische Menschen, weil sie weniger dem sozialen Gruppendruck folgen, der eine bestimmte Anpassung fordert. Rita Jordan schreibt dazu: “Menschen mit Autismus unterscheiden sich untereinander mehr als andere, weil es ihnen an Sozialisation in eine gemeinsame Kultur fehlt.”
Asperger-Autismus und Autismus sind nicht klar voneinander abgrenzbar. Die meisten Fachleute sehen Autismus und Asperger-Autismus als ein nahtloses Kontinuum. Es ist kein Merkmal bekannt, dass eine sinnvolle Abgrenzung dieser Kategorien zulässt. Manche Menschen werden in ihrer Kindheit auf Autismus diagnostiziert und bekommen als Erwachsene die Diagnose Asperger-Syndrom. Sie haben sich auf dem Autismus-Spektrum “fortbewegt”. High-Functioning-Autismus und Asperger-Autismus sind im Erwachsenenalter oft nicht mehr zu unterscheiden; diagnostisch werden sie nur durch das Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein einer Sprachverzögerung unterschieden. Auf der anderen Seite sind High-Functioning-Autismus und “klassischer” Autismus nicht klar abgrenzbar: die diagnostische Abgrenzung erfolgt über den IQ und dieser hat sich in Bezug auf Autismus als sehr unzuverlässig erwiesen. Menschen unterscheiden sich im Grad von Autismus und in ihren Fähigkeiten etc. - aber der Autismus ist der gleiche.
Autismus ist nicht die Folge irgendeiner Art von Erziehung (Stichwort “Kühlschrankmütter”). Autismus ist nicht die Folge von emotionaler Vernachlässigung, emotionalem Stress, Missbrauch oder Traumata.

Autismus ist genetisch bedingt. Die Theorie, dass Autismus durch kalte, unemotionale Mütter verursacht würde, entstand zum einen aus einer generell vorurteilsbeladenen Sicht auf Autismus, zum anderen dadurch, dass einige Mütter autistischer Kinder selbst autistisch sind (Väter übrigens auch, aber die wurden in diesen Schriften nur als “Ingenieure” erwähnt - was viel über die enthaltenen Geschlechterbilder aussagt).

Für ein autistisches Kind ist es meist ein großer Glücksfall, autistische Eltern zu haben, denn diese können es viel besser verstehen. Auf nicht-autistische Menschen wirkt das Verhalten der Eltern ungewöhnlich und alle Probleme des Kindes werden darauf geschoben. Autismus hat aber nichts mit der Erziehung zu tun, sondern ist genetisch bedingt. Ein nicht-autistisches Kind kann man so gut erziehen, wie man will, es wird nie autistisch werden

Autismus ist nicht selten. Eine neue Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich mehr als ein Prozent der Menschen im Autismus-Spektrum (einschließlich Asperger-Autismus) befindet.
Autismus betrifft nicht nur Kinder. Autistische Kinder verschwinden nicht plötzlich, wenn sie 18 werden. Aus autistischen Kindern werden autistische Erwachsene.
Es gibt keine “normale” Person in einer “autistischen Glaskugel”. Autismus ist nicht trennbar von der Persönlichkeit eines autistischen Menschen. Autismus färbt jede Wahrnehmung. Autismus beeinflusst, wie jemand denkt, fühlt, versteht, reagiert und interagiert. Zu wünschen, der Autismus würde verschwinden bedeutet, zu wünschen, die Person wäre jemand anderes.
Autismus ist nicht “heilbar”. Autismus ist nicht “heilbar”, weil: a) Autismus keine “Krankheit” ist; b) selbst wenn Autismus eine Krankheit wäre, gäbe es (auf absehbare Zeit) kein Verfahren, Autismus “verschwinden zu lassen”; c) selbst wenn dies möglich wäre, würden die meisten Menschen im Autismus-Spektrum überhaupt nicht “geheilt” werden wollen, weil Autismus ein inhärenter Teil ihrer Persönlichkeit ist und eine “Heilung” von Autismus die Auslöschung ihrer Persönlichkeit bedeuten würde.
Autismus ist keine Tragödie.

Oft wird Autismus negativ gesehen, besonders “klassischer” Autismus ohne Sprache. Vielleicht liegt es daran, dass diese Autistinnen und Autisten sich nicht selbst dazu äußern können. Es gibt jedoch viele, die erst mit sechs oder auch erst mit zwölf Jahren zu sprechen anfingen und klare Erinnerungen an die Zeit haben, in der sie nicht sprachen; und sie sehen diese Zeit meist neutral bis positiv.

Obwohl Menschen im Autismus-Spektrum in dieser Gesellschaft im Prinzip in einer feindlichen Umgebung leben (reizüberflutend, unverständlich, ungeduldig und allgemein auf nicht-autistische Menschen ausgerichtet) und Autismus ständig pathologisiert wird, sehen viele von ihnen Autismus positiv. Viele Autistinnen und Autisten sind gerne autistisch und würden nicht “geheilt” werden wollen. Man kann autistisch und glücklich sein, auch in dieser Welt.

Autismus ist kein neues Phänomen. Die erste detaillierte Beschreibung eines Kindes, dass wir heute als autistisch bezeichnen würde, wurde 1799 von Jean Itard geschrieben (”der wilde Junge von Aveyron”). Von vielen Künstlern und Wissenschaftlern - z.B. Michelangelo - nimmt man an, dass sie im Autismus-Spektrum waren.
Autismus bedeutet nicht, nicht sprechen zu können. Die meisten Menschen im Autismus-Spektrum sprechen. Bei Asperger-Autismus liegt die Zeit, in der die Kinder zu sprechen beginnen, im üblichen Alter, bei anderen Autismus-Formen verspätet. Manche Kinder fangen mit drei Jahren an zu sprechen, andere erst mit zwölf, wieder andere sprechen nie, sondern kommunizieren z.B. über Bilder, Gebärdensprache oder Computer.
Wenn eine autistische Person sprechen lernt, heißt das nicht, dass sie nicht mehr autistisch ist. Autismus ist bleibend. Aber autistische Menschen lernen (jeder Mensch lernt), viele lernen zu sprechen und manche lernen sehr viel, so dass sie als Erwachsene nicht mehr dem Bild entsprechen, dass viele Menschen von Autismus haben. Dennoch sind sie autistisch; ihre Wahrnehmung, ihre Art zu denken sind autistisch.
Autismus sieht man den betreffenden Personen nicht an. Autistische Menschen sehen aus wie andere Menschen auch. Du würdest einen Autisten nicht erkennen, wenn du einem begegnen würdest. Vielleicht kennst du sogar einen (oder mehrere) und weißt es nicht (und sie vielleicht auch nicht).
Autismus ist keine geistige Behinderung. Es gibt viele sehr intelligente Autistinnen und Autisten. Auch nicht-sprechende Menschen im Autismus-Spektrum sind häufig intelligent.
Autismus bedeutet nicht Hochbegabung. Es gibt hochbegabte Menschen im Autismus-Spektrum, genauso wie solche, die durchschnittlich begabt oder auch lernbehindert sind. Vermutlich ist die Intelligenzverteilung gleich wie bei nicht-autistischen Menschen, allerdings ist vermutlich die Art der Intelligenz anders.
Autismus bedeutet nicht, ein spezielles Talent wie Rainman zu haben (Savants). Savants sind sehr selten. Einige wenige autistische Menschen haben so ungewöhnliche Fähigkeiten, dass sie als Savants bezeichnet werden. Viele andere nicht. Es gibt auch nicht-autistische Savants, auch wenn es im Autismus-Spektrum überdurchschnittlich viele davon gibt. Viele Menschen im Autismus-Spektrum haben herausragende Fähigkeiten, die aber weniger spektakulär sind.
Autismus bedeutet nicht eine generelle Ablehnung sozialer Kontakte.

Viele autistische Menschen wollen gern Kontakt zu anderen, wissen aber nicht, wie die (neurologisch-typische) Art der Kontaktaufnahme funktioniert. Manche autistische Menschen wollen keinen Kontakt zu anderen Menschen, weil ihnen diese z.B. zu laut und zu unberechenbar sind.

Wir wissen bisher nur wenig darüber, wie sich autistische Menschen untereinander verstehen, da sie noch nicht viele Gelegenheiten haben, sich zu treffen und kennenzulernen. Praktisch alle autistischen Menschen brauchen Zeiten, in denen sie allein sind und sich ausruhen können.

Autismus bedeutet nicht, “nicht beschulbar” zu sein. Autistische Menschen lernen. Weil sie anders lernen als andere Menschen und die Schulen auf nicht-autistische Menschen ausgerichtet sind, brauchen oder bräuchten sie oft eine angepasste Lernumgebung, um ihr Potential entfalten zu können. Nichtsdestotrotz sind die meisten Kinder und Jugendlichen im Autismus-Spektrum an Regelschulen und oft nicht als solche erkannt.
Autismus bedeutet nicht, kein selbständiges Leben führen zu können.

Für manche Menschen im Autismus-Spektrum trifft das zu, aber viele Autistinnen und Autisten leben selbständig. Man sollte außerdem bedenken: Jeder Mensch braucht in irgendeiner Form Unterstützung von anderen Menschen. Niemand von uns lebt als Robinson Crusoe. Das Maß an Unterstützung, dass ein Mensch benötigt, ist individuell unterschiedlich.

So ist es auch im Autismus-Spektrum. Und Autistinnen und Autisten brauchen eben eine andere Form der Unterstützung. Wichtig ist, dass auch Menschen, die Unterstützung irgendeiner Art brauchen, selbstbestimmt leben können.

Autismus bedeutet nicht, keine Gefühle zu haben. Autistische Menschen haben Gefühle für andere Menschen, haben aber oft Schwierigkeiten, diese auszudrücken. Vermutlich bauen sie eher starke Beziehungen zu wenigen Menschen auf als oberflächliche Beziehungen zu vielen. Viele Menschen im Autismus-Spektrum freunden sich mit anderen Autistinnen und Autisten an oder mit Menschen, die ihre Interessen teilen. Es gibt auch viele Menschen im Autismus-Spektrum, die zufriedene Partnerschaften haben.
Autismus bedeutet nicht, keine Phantasie zu haben. Menschen im Autismus-Spektrum haben meist eine lebhafte, kreative und einzigartige Phantasie. Manche autistische Menschen richten ihre Phantasie weniger darauf, sich soziale Situationen vorzustellen oder sie tun das auf ungewöhnliche Art. Wenn sie keine “So-tun-als-ob”-Spiele spielen, heißt es oft, sie hätten keine Phantasie. Dabei drücken sie ihre Phantasie nur anders aus. Es gibt übrigens auch Menschen im Autismus-Spektrum, die “So-tun-als-ob”-Spiele spielen.
Nicht alle Menschen im Autismus-Spektrum denken in Bildern. Visuelles Denken ist im Autismus-Spektrum möglicherweise häufiger als in der Durchschnittsbevölkerung, aber nicht alle Autistinnen und Autisten denken in Bildern. Es gibt auch nicht-autistische Menschen, die in Bildern denken.
Nicht alle Menschen im Autismus-Spektrum mögen Zahlen und Mathematik. Es gibt autistische Menschen, die große Mathematiker sind (Richard Borcherds, Professor an der Unversität Berkeley und Preisträger der Fields-Medaille ist einer von ihnen). Aber es gibt auch viele Menschen im Autismus-Spektrum, die Mathe überhaupt nicht mögen und in der Schule große Schwierigkeiten damit haben.

Quelle: www.aspies.de