Die Geek-Autismus-Connection
Michaela Simon 25.03.2002

William Blake, der die Schönheit der Welt in einem Sandkorn entdecken konnte, Ludwig Wittgenstein, der mit zehn Jahren eine Nähmaschine baute und über den seine Mitschüler sagten, er sei "wie aus einer anderen Welt herbeigeschneit", Albert Einstein, der sich selbst als "einsamen Besucher" auf der Erde bezeichnete, der ebenfalls nobelpreisgeschmückte John Nash, Vincent van Gogh, Glenn Gould, Isaac Newton, Emily Dickinson, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Anton Bruckner, Bela Bartok, Steven Spielberg, um nur einige zu nennen und nicht zuletzt Bill Gates, der alte rocker - gehören sie alle einer besonderen Spezies an, einer Spezies mit Eigenheiten, die im weitgespannten Regenbogen des autistischen Spektrums leuchten?
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Aspies mögen keinen Blickkontakt mit Menschen und sie neigen zum Hyperfocusing. Wenn man sich im Straßenverkehr lediglich auf seine eigenen Füße konzentriert, ist das gefährlich, wenn man jedoch ein Projekt genauso hartnäckig fokussiert, kann was Geniales dabei herauskommen. Weder Funktion noch Form interessiert sie, sondern leiglich, wie etwas gemacht ist. Aspies gelten als schüchtern, leicht exzentrisch, sie reden entweder gar nicht oder sie sind nicht zu stoppen und spicken ihre Sätze mit technischen Termini. Sie bewegen sich unbeholfen als hätten sie ihren Körper nur geliehen und führen automatische, oft repetitive Bewegungen aus wie Schaukeln (rocking), sich um sich selbst drehen, mit den Fingern spielen, mit den Händen flattern (stimming). Sie sind unempfindlich gegenüber Ironie, Gruppendynamik oder sportlichem Ehrgeiz. Sie insistieren auf Routine und Ritualen, können in Codes besser lesen als in Menschen, sind leicht paranoid, und oft sehr intelligent.
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Oft bleibt Asperger, abgekürzt AS, undiagnostiziert. Die Kombination und Ausprägung der Symptome ist außerdem ganz individuell, so dass eindeutige Diagnosen schwierig sind. Aspies können in der Arbeitswelt Nischen finden, in denen sie gut zurecht kommen. Mehr noch, gewisse Attribute eines milden Autismus können in Gesellschaften, in denen systematische Intelligenz gut angeschrieben ist, durchaus als adaptiv gelten, Beispiel Bill Gates. Der zum Hospitalismus neigende und von Computern und Trampolins besessene pedantische Mann mit der hellen gepressten Diskantstimme, der niemandem direkt in die Augen blicken kann und als Junge angeblich die ganze Torah auswendig konnte, wurde von Autismus-Forschern, von denen viele - und nicht die schlechtesten - übrigens oft selbst Symptome aufweisen, schon lange als einer der ihren identifiziert.
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Temple Grandin, Professorin für Veterinärwissenschaft an der Universität Colorado, deren
Obsession für Viehgehege dazu führte, dass sie Professorin für Animal Science, sowie weltweit führende Expertin für humanes Schlachten wurde und die mehrere wichtige Bücher über Autismus und Asperger geschrieben hat, sagte in einem Interview mit Autismus-Forscher Tony Atwood: "Mein Gehirn ist ein Computer mit einem 1000-Gigabyte-Speicher für Millionen von Bildern. Aber mein Prozessor ist ein alter Intel 286 - bei zu viel Input bricht Chaos aus".

Januar letzten Jahres bot Microsoft seinen Mitarbeitern Versicherungsvergünstigungen für die Kosten des Verhaltenstrainings ihrer autistischen Kinder an. Am MIT in Boston gibt es eine charm school für verstockte Informatiker und auch die Fakultät für Informatik der TU München hat mit Kursen nachgezogen.

An welchem Punkt wird eine Entwicklungsstörung eine Persönlichkeitsstörung und wann ist sie einfach eine Art der Persönlichkeit? Es ist produktiver, das Leben eines autistischen Menschen von seinem Blickwinkel aus zu beurteilen. Menschen mit autistischen Merkmalen sind starke Persönlichkeiten, sie können gar nicht anders. Aber wie schaffen sie es, nicht unglücklich zu werden unter Menschen, die Gruppentauglichkeit als absolutes Ideal setzen?

Aspies sind oft unglücklich, vor allem als Kind: das Lärmen und Jagen auf dem Pausenhof, aus dem sich nicht herauslesen lässt, wer Freund und wer Feind ist, die verständnislose Grausamkeit der Anderen. Auch als Erwachsene sind sie oft einsam, depressiv und fühlen sich stigmatisiert, ihr Leben wird zum Kampf gegen sich selbst. Was wäre, wenn Asperger Syndrom anhand seiner Stärken definiert wäre, fragen Carol Gray und Tony Atwood, dann gäbe es keine Diagnose, sondern eine Entdeckung des Aspies, eines absolut loyalen, zuverlässigen, beharrlichen, originellen und optimistischen Menschen.

Oder doch ein Alien? Viele empfinden, als wären sie von Kindesbeinen an auf dem falschen Planeten oder als hätten alle anderen zur Geburt ein Manual zur sozialen Interaktion erhalten, nur sie nicht. Ein Außerirdischer kann nicht lernen, kein Außerirdischer zu sein. Es mag ihm jedoch helfen, wenn er und seine nahe Umwelt von seiner Herkunft erfahren.

Diese störrischen kleinen Professoren, die manchmal so komisch zucken und vor sich hinkichern, die mit zehn schon süchtig nach dem Computer sind und sich mit zwanzig nicht für Mode interessieren, weil ihnen dafür die holistische Intuition abgeht, sie entpuppen sich als die eigentlichen Helden unserer von Computern dirigierten Welt. Auch wenn nur wenige der Aspies über das Potential eines Einstein verfügen, wir brauchen sie, denn Versuche, "normale" Menschen mit Geek-Tugenden zu füttern, haben bislang immer fehlgeschlagen. Wobei sich die Frage aufdrängt, ob die verführerische Omnipräsenz der Computer ihre Wesenszüge fördert und was sie ohne Rechner täten? Lichtspiegelungen im Fensterglas betrachten, Zugfahrpläne auswendig lernen, Sandkörner zählen, sich selbst Geschichten erzählen, in denen keine Worte vorkommen?
Zu einer anderen Zeit hätten diese Leute als Mönche gearbeitet und neue Tinte für frühe Druckpressen entwickelt. Heute jedoch verdienen sie 150.000 Dollar im Jahr und pflanzen sich sehr erfolgreich fort,
weiß Bryna Siegel, Mitgründerin der Stanford University Autism Clinic.